41. Hinweis
Zhaozhou fragt Touzi: „Gründet ein Mensch im großen Tod, wie kommt er wieder zurück in die Lebendigkeit?“ Touzi antwortet: „Man läuft nicht in der Nacht herum, man bricht erst im Morgengrauen auf.“
Es gibt keinen Unterschied zwischen Ja und Nein, zwischen Trauer und Glück, zwischen Leben und Tod - sondern sie sind verschlungen und bedingen sich gegenseitig. Yuanwu schreibt dazu in der Einleitung, dass sich beide Seiten „bescheiden“ sollen. Denn keine der beiden Seite kann für sich eine „Überlegenheit“ reklamieren. Tod und Leben sind Weggenossen und keiner von beiden kann alleine gehen. Nun begegnen sich in Zhaozhou und Touzi zwei Meister, aber sie sind nicht höflich nach den gesellschaftlichen Regeln, sondern kreuzen die Klingen. Es zeigt, dass sie Ruhe des Chan gleichzeitig wie die höchste Anspannung in einer Kriegssituation ist. Nun fragt ihn Zhaozhou genau nach diesem Oszillieren: wie es wohl ist, wenn man den großen Tod stirbt und danach Lebendigkeit hat? Was ist der große Tod? Und was ist die Lebendigkeit, die danach folgt?
Yamada Koun sagt dazu: „Im Leben gibt es den Tod, und im Tod gibt es Leben; denn vom Wesen her gibt es weder Leben noch Tod. Springt es plötzlich aus dem Nichts hervor, ist es zweifellos lebendig. Weil aber zur gleichen Zeit überhaupt nichts existiert, ist es gleichermaßen auch tot.“ (Koun 2002: 445) Beim großen Tod geht es nicht allein um unsere physische Sterblichkeit, zwar wird diese darin auch reflektiert, dass Tod und Leben zusammengehören (also aus toten Pflanzen wird Kompost und das ist die Grundlage für neue Pflanzen). Aber eigentlich geht es darum, dass man die Vorstellung „sterben“ lässt, dass es diese Welt gibt, da die Welt nur unsere eigene Gedankenkonstruktion ist. D.h. die Welt ist Nichts, genauso wie wir selber. Darum geht es eigentlich im Buddhismus, sowohl im Theravada also auch im Mahayana. So unterweist der Buddha bereits im Majjhima Nikaya im Kapitel 62 seinen eigenen Sohn Rahula immer mit der wiederholten Ermahnung: „Dies ist nicht mein, dies bin ich nicht, dies ist nicht mein Selbst“ (zit. nach Zumwinkel 2017: 124ff.), wenn es um die Dinge dieser Welt geht. Aber oft wird dies gerade in der Rezeption im Westen anders gesehen: „Other Zen teachers regarded the Great Death, at best, as a waystation on the path to insight. At worst, it was a swindle. They acknowledged that, with rigorous effort, it is possible to train the mind to dwell in quietude where ‚there is no more than a single thought in ten thousand years.‘ However, they questioned the utility of so much tranquility. What is the sense in deadening the mind when what we really seek is to awaken it?“ (Sullivan 2021: 171) Denn es geht bei Meditation nicht darum keine Gedanken mehr zu haben oder sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Der große chinesische Gelehrte im 20. Jhd. Nan Huaijin hat einmal gesagt: „when all of us sit in meditation, can we or can we not reach the stage where we draw up our legs and we have no thoughts? We absolutely cannot do this. In fact, we often joke that there are only two kinds of people who can do this--people who have not yet been born, and people who have already died. Apart from these two kinds of people, there is almost no one who can accomplish this.“ (Nan 1993: 2) Das Ziel sollte nicht sein, keine Gedanken mehr zu haben (es sei denn man möchte den physischen Tod sterben), sondern nicht an den Gedanken festzuhalten und bei jedem Gedanken der auftaucht sich zu sagen: „Dies ist nicht mein, dies bin ich nicht, dies ist nicht mein Selbst“, wie der Buddha Rahula geraten hat.
Der japanische Zen-Meister Katagiri (Jikai) Dainin (片桐 (慈海) 大忍 , 1928-1990) berichtet von einer interessanten Geschichte: „There was a monk who was spending lots of money drinking beer and whiskey in bars at night instead of practicing zazen. His teacher was very concerned about him. Several times he asked him not to do it, but he continued. One day he asked the monk to come to his room and when the monk entered, the teacher screamed, ‚Get out!‘ The monk jumped a little because he didn't expect his scream, and then thought, ‚This is a good chance to escape from this ridiculous temple life.‘ So he immediately accepted and said, ‚Yes, sir.‘ He was about to open a door to leave, when the teacher said, ‚It is not your door through which to get out‘, So he tried another door and again the teacher said, ‚It is not your door to escape.’ He tried three doors and each time his teacher said the same thing. Finally the monk became angry and said, ‚What should I do? You said to get out, but how can I get out?’ The teacher said, ‚If you cannot get out, stay here.’“ (Katagiri 1988: 103f.) Katagiri erzählt diese Geschichte im Zusammenhang, dass man sich in Gelassenheit durch sein Leben bewegen sollte: eben weil wir aus den Nichts kommen und dann wieder ins Nichts gehen - und auch hier unser Erdenleben gründet im Nichts und ist nur eine Projektion unseres Kopfes. Der Mönch in der Geschichte stellt sich aber selbst in den Mittelpunkt und will das Leben in vollen Zügen genießen und gibt sich jeden Abend die Kante in den Kneipen. Sein Lehrer kritisiert dies, trifft aber auf wenig Gehör bei ihm. Und dann wird die ganze Geschichte zu einer Zen-Geschichte, einem Koan. Erst bittet der Meister den Mönch, dass er zu ihm kommen soll, um ihn beim Eintreten anzuschreien, dass er abhauen soll. Der Mönch versteht es aber nicht so, dass er das Zimmer zu verlassen hat, sondern gleich das ganze Tempelleben, um sich dann vermutlich nur noch betrinken zu wollen. Er öffnet also eine Tür und der Meister sagt ihm, dass dies nicht seine Tür wäre, um aus dem Tempelleben zu kommen. D.h. es ist nicht dein Weg in ein befreites, schönes Leben, wenn du in der Kneipe hockst. Auch die anderen Türen, werden vom Meister beschrieben, dass dies nicht sein Weg sind, um zu entkommen. Denn wenn schon der Weg in den Alkohol nicht sein Weg ist, dann vielleicht sich mit Frauen zu vergnügen oder Reichtum anzuhäufen und im Luxus leben etc. Alles besser als dieses karge Tempelleben, weil man sich so schön berauschen und vor sich weglaufen kann. Der Mönch ist ganz verzweifelt und fragt, was denn sein Weg wäre. Der Meister antwortet: Nun wenn du aus diesem Leben nicht entkommen kannst, dann bleib doch einfach hier. Den Sinn der Geschichte ist auch schön beschrieben von Janosch in „Oh, wie schön ist Panama“ oder der Ruhrpott-Spruch „Woanders ist auch scheiße“. Wir werden immer etwas an unserem Leben zu kritisieren haben und denken ein sorgenfreies Leben irgendwo anders zu finden. Dabei sind wir einfach ungefragt in dieses Leben geworfen worden. Zwar gestalten wir unsere Biografie auch selber, aber es sind so viele andere Wirkfaktoren, die hier mitbestimmen. Deswegen geht es darum gelassen unsere jetzige Situation anzunehmen, aber gleichzeitig diese mitzugestalten. Um auf Zhaozhou zurückzukommen: der Große Tod ist diese Gelassenheit und die Mitgestaltung ist die Lebendigkeit.
Die Methoden, wie man dies in der Meditation erreichen kann, sind dabei ganz vielfältig. So empfiehlt der Buddha Rahula, dies durch die Achtsamkeit auf dem Atem zu erreichen. Im Surangama-Sutra berichten eine ganze Reihe Bodhisattvas, auf welche Weise, sie zum Erwachen gelangt sind: über die Auseinandersetzung mit dem Hören, oder dem Schmecken etc. Jeder auf seine für ihn passende Art. Und dies ist auch in unserem Hinweis so: „This active and lively meditation can take many forms. Touzi meditated on his breath as Shakyamuni recommends in the early sutras. Zhaozhou sat silently with an ordinary mind that's neither tight nor loose. (Many years after meeting Touzi, Zhaozhou said his house style is simply ‚knowing it's cold when it's cold and knowing it's hot when it's hot.‘) (Sullivan 2021: 172f.) Dabei läuft es immer auf das Gleiche hinaus, die Welt ganz einfach so zu nehmen, wie sie ist und keine großen Gedankengebäude oder Erwartungen darüber zu stülpen. Zhaozhou weiß, dass es kalt ist, wenn es kalt ist, ohne dabei zusätzlich zu denken: Was für ein scheiß Wetter etc. Und genauso bei Touzi, der das Atmen etwa aus dem Majjhima Nikaya gelernt hat, wo der Buddha dies so beschreibt:„Wenn er [also der Meditierende] lang einatmet, versteht er: ‚Ich atme lang ein'; oder wenn er lang ausatmet, versteht er: ,Ich atme lang aus.' Wenn er kurz einatmet, versteht er: ,Ich atme kurz ein'; oder wenn er kurz ausatmet, versteht er: ,Ich atme kurz aus.’“ (zit. nach Zumwinkel 2017: 126) Auch hier wird nur wahrgenommen, was ganz einfach passiert - aber wer nimmt schon seinen Atem wahr?
Der japanische Zen-Meister Tenkei Denson schreibt dazu: „One who has experienced the great death means someone who has set aside everything, even the mysteries and wonders of Buddhism, affirmation and negation, gain and loss, and managed to become as if dead. However, to remain in that state is to get fixated on mindlessness, falling into a nonfunctional state of indifference, so one must come back to life, not keeping that state but tossing it into emptiness, thus neither grasping nor rejecting everything, attaining the realm of absorption in living. Therefore Joshu poses the question about one who has experienced the great death: in any case one is useless unless one comes to life“ (Cleary 2000: 135) Tenkei betont, dass man tatsächlich alles Kommen und Gehen lassen muss: nicht nur den Atem oder dass es mal kalt, mal warm ist etc., sondern selbst die heiligen Schriften oder Praktiken muss man loslassen können. Wer sein ganzes Leben sich mit dem Avatamsaka-Sutra oder dem Johannes-Evangelium beschäftigt, bekommt vielleicht einen Professoren-Titel, aber für sein wahres Selbst ist damit trotzdem nichts gewonnen. Jemand der täglich Eucharistie empfängt oder Dazuo praktiziert, aber dies nur formal umsetzt und sich nicht darauf einlässt und auch selbst dies loslassen kann, findet ebenfalls keinen Zugang zu seinem wahren Selbst. Allein man muss auch hiervon absterben können und dies als ein Hilfsmittel ansehen und nicht schon als Ziel. Aber wenn man an nichts mehr hängt und alles loslassen kann wird man trotzdem kein Stawrogin, wie in Dostojewskis Roman „Böse Geister“ oder auch kein Oblomow wie in dem Roman von Gontscharow, d.h. das alles erlaubt ist bzw. das einem alles scheißegal ist. Denn wer den großen Tod gestorben ist und damit allem indifferent gegenüber steht, muss aus diesem Abgrund des Nichts wieder lebendig werden. Und dies ist kein wieder Zurückkommen in das vorherige Leben (wie etwa nach einer Urlaubsreise), sondern es ist ein ganz neues Leben, was nämlich weiter aus dem großen Tod heraus lebt.
Als Abschluss soll hier der Kommentar von Tenkei dienen, den er zur Hinführung von Yuanwu macht: „Where yes and no are intertwined refers to inconceivable transcendental conduct. In terms of adepts, walking on thin ice, that is, walking unobstructed to where it is dangerous and difficult of access, is like a unicorn's horn, extremely rare and hard to find. (Cleary 2000: 134) Wo Ja und Nein, wo Tod und Leben, wo vita conteplativa und vita activa ect. ineinander verschlungen sind, da zeigt sich ein unbegreifliche transzendente Führung. Es ist ein paradoxes Oszillieren zwischen den beiden Seiten, die aber nicht mehr in meinem Bewusstsein oder Willen liegen, sondern die sich einfach ergeben und die zur Kenntnis nehme und entsprechend handele: ich weiß, dass es kalt ist, Zhaozou sagt. Und hier zeigt sich auch das Chinesische im eigentlich indischen Buddhismus, den genau diese Handlung wird im Daoismus als Wu Wei (无为), als Nicht-Handeln bezeichnet, wo man nicht den eigenen Willen gegen den Lauf der Natur und der Dinge setzt, sondern das eigene Handeln nur diese verstärkt und unterstützt, dass sie sich entfalten kann (vgl. etwa Julien 1999, 2001).
Touzi antwortet „Man läuft nicht in der Nacht herum“, d.h. bleibt nicht im großen Tod, wo wie in der Nacht alles gleich ist. Sondern das eigentliche Erwachen beginnt erst mit der Lebendigkeit. Und Touzi hat dieses Erwachen so wunderbar buchstäblich in seine Antwort eingebaut: „man bricht erst im Morgengrauen auf.“
Christliches Jakogu
Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26,39)
Jesus betet in Gethsemane zu seinem Vater und hat Angst und wünschte, dass er nicht sterben müsse - hier ist er ganz Mensch. Aber er ist auch ganz Gott, quasi ein Mensch der den großen Tod gestorben ist und aus dieser Lebendigkeit gelebt und gepredigt hat. So wie Zhaozou weiß, dass es in diesem Moment kalt oder heiß ist, weiß auch Jesus, dass dies der Moment seines Sterbens ist. Für die Situation können beide nichts, aber sie nehmen sie bereitwillig an.